Service Management
Wie adressiere ich besser die Bedürfnisse meiner Kunden?
1Alex Osterwalder, führender Forscher und Berater im Bereich Business Model Analysis & Design, fokussiert sich zur Zeit auf die Weiterentwicklung seines Frameworks “The Business Model Ontology“. Sein aktueller Blog-Beitrag “the customer value canvas” zeigt wie eine analytische Vorgehenswese durch Visualisierung zur besseren Identifikation und Adressierung der Kundenbedürfnisse führen kann.
Die Customer Value Canvas forciert strategische Diskussion auf einem hinreichend konkreten Level, um operativ verwertbare Ergebnisse zu erzielen. Wie immer greift Alex auf fundierte und erprobte Methoden zurück und kombiniert sie miteinander. Der Frage nach den zentralen Kundenbedürfnissen deckt er u.a. durch die “The Empathy Map” auf. Ähnliche Instrument werden zwar schon länger in der Produktentwicklung (z.B. jobs-to-be-done = user stories) verwendet, dabei geht es jedoch meist um die Optimierung einzelner Produkte oder Services. Auf diesem abstrakteren Level und gemeinsam mit allen Leistungsverantwortlichen hilft es jedoch, jede Leistungsart, also die Kernleistungen (z.B. Sortiment), die Vertriebsleistungen (z.B. Features eines Online-Shop oder die Entsorgung von Produkten) und die Beziehungsleistungen (z.B. Premium Dienste a la amazon prime) so zu kombinieren und verbessern, dass ein überragendes Leistungsangebot entsteht.
Milchmädchenrechnung: Verlagerung der Beantwortung von Call-Center-Anfragen auf Internet Self-Services führt generell zu Servicekostenersparnissen!
3Natürlich gibt es heute viele Services, die man zur Beantwortung von Kundenfragen nutzen kann.
Allerdings sollte man sich, bevor man über eine Verlagerung nachdenkt, erst einmal grundsätzlich darüber Gedanken machen, wann ein Kunde eine Hilfestellung oder Auskunft benötigt. Diese lassen sich, meiner Ansicht nach, in zwei Kategorien unterteilen:
Weiteren Informationsbedarf allgemein:
- Er hat weiteren Informationsbedarf zu einem Produkt, da er im Shop nicht alle benötigten Informationen findet.
- Er hat eine Frage zum Bestellen oder zu den Zahlungs-, Liefer- oder sonstigen Konditionen, da diese Information nicht problemlos im Shop zu finden sind.
Und individuelle Fragestellungen, nachdem er seine Bestellung abgeschlossen hat:
- Zu seiner Bestellung (Ware nicht da, Ware defekt, Retoure..)
- Zu seiner Rechnung (Betrag stimmt nicht, Rechnung ist unverständlich,..)
- Zum Zahlungsverkehr (fehlende Entlastung auf seiner Kreditkarte, seinem Paypalkonto, Zahlungserinnerung, Rückerstattung seiner Retoure..)
- Zur Aktualisierung seiner Kundendaten (Umzug, Heirat, neue Email-Adresse,..)
- Oder der Kunde ist massiv durch einen aufgetretenen Fehler im Abwicklungsprozess verärgert und will diesen Ärger loswerden und klären.
Ein großer Teil des mangelnden Informationsbedarfs oder auch der Standardfragen zur Bestellung lassen sich sicherlich durch Self Services online abbilden:
- Klassische FAQs
- Kontextsensitive Hilfe (auf den Produktseiten, den Seiten zu den Kundenservices, im Bestellvorgang etc.)
- Beraterfunktionen bei besonders beratungsintensiven Produkten (Laufschuhberater, Passformberater, Gardinen- und Sichtschutzratgeber etc.)
- Informationen zur Bestellung für den Kunden: Sendungsauskunft, Kontoeinsicht, Bereich zum Verwalten und Pflegen von persönlichen Daten
- Service-Emails (Sendungsstatus, Zahlungserinnerungen, etc.)
Dies alles sind Self-Services, die ein guter Shop seinen Kunden bieten sollte und mit deren Angebot man viele Standard-Call-Center-Kontakte per Email oder Telefon (wo bleibt meine Sendung? Ist meine Retoure schon da? Ich möchte meine neue Anschrift mitteilen…) in den Shop verlagern kann.
Es setzt natürlich weiter voraus, dass diese durch eine gute Usability und Aufbereitung ihrer Inhalte, so gestaltet sind, dass der Kunde sie ohne Probleme findet, Zugang zu ihnen erlangt und sie dementsprechend nutzen kann. Der Vorteil dieser Self-Services ist es auch, dass sie von den Nutzern bereits durch andere Shops, wie amazon oder ebay bekannt und gelernt sind.
Hier besteht also Kostensenkungspotential. Allerdings darf man nicht vergessen, dass diese Self-Services implementiert und permanent gepflegt und aktualisiert werden müssen, damit sie immer auf dem neuesten Stand sind und tatsächlich eine Erleichterung für den Kunden und auch den Händler darstellen. Für das Aufsetzen und Pflegen fallen natürlich Kosten an.
Viele Self-Service-Anbieter versuchen sich auch in der vollautomatisierten Antwort im Dialog bzw. per Email zur Klärung der oben aufgezeigten Fragestellungen.
- Vollautomatisierte oder auch teilautomatisierte Antwort-Emails
- Vollautomatisierte Dialoge (diese könnte man auch statt der klassischen Hilfe oder FAQ nutzen)
Die Nutzung dieser Möglichkeiten setzt allerdings voraus, dass der Kunde seine Frage sehr genau formulieren können muss, sonst bekommt er keine passende Antwort bzw. muss seine Anfrage doch von einem Kundenserviceberater beantwortet werden.
Doch auch die scheinbar „vollautomatisierten“ Antworten, sei es per Email oder per Dialog, müssen initial aufgesetzt und permanent aktualisiert und verbessert werden und sie müssen sehr gut verfasst sein, damit sie nicht nach zusammengewürfelten Textbausteinen klingen. Dies muss ebenfalls auf Seiten des Händlers erfolgen. Allerdings lohnt sich der Aufwand nur, wenn es überwiegend Standardprozesse gibt, für die auch Standardantworten hinterlegt werden können, je individueller die einzelnen Abwicklungen und somit auch die Fragen des Kunden werden, lohnt dieser Aufwand nicht. Der Pflegeaufwand muss mit der nötigen Sorgfalt betrieben werden, denn werden dem Kunden z.B. veraltete Konditionen genannt, wirkt dies nicht nur unprofessionell und wenig serviceorientiert, es verursacht auch Nachfragen, die dann sicherlich per Telefon erfolgen.
Hat der Kunde aber nicht nur das Bedürfnis nach einer Auskunft, sondern will er etwas „loswerden“, meist seine Verärgerung, dann helfen ihm die oben aufgezeigten Self-Services meiner Ansicht nach nicht. Bei solchen Themen ist es unabdingbar, dass der Kunde schnellstmöglich mit einem Kundenserviceberater in Kontakt kommen kann. Sei es per Email, per Chat oder auch per Telefon.
Dies ist unbedingt zu beachten, denn gerade wenn Kunden verärgert sind oder im größten Maße unsicher oder eine schnelle Antwort benötigen, wollen sie mit einer realen Person in Kontakt treten. Dies gilt besonders auch für ältere Kunden, die den Online-Einkauf immer mehr für sich entdecken. Diese greifen lieber zum Hörer oder schicken eine Email und erwarten eine schnelle Reaktion. D.h., dass man auch hier einen entsprechenden Servicelevel sicherstellen muss.
Für den Händler stellen sich also folgende Fragen vor der Umstellung auf Self-Services:
- Sind meine Prozesse so standardisiert, dass Standardantworten bzw. vollautomatisierte Antworten möglich sind und sich der Pflegeaufwand auch lohnt?
- Wie groß ist der Anteil der Anfragen, die ich durch Self-Services beantworten kann und durch die keine zusätzlichen Kundenservicekosten anfallen?
- Rechnen sich die initialen Kosten und auch die jährlichen Kosten für Lizenzen, Services etc. für den Self-Service? (Die initialen Kosten können schnell im guten 5-stelligen Bereich liegen und jährliche Kosten dann noch mal bei ebenfalls im 5-stelligen Bereich.)
- Wie oft sind Mitarbeiter zu schulen und wie hoch sind die Schulungskosten?
- Wie viele Kontakte werden nicht über Self-Services abwickelbar sein und wie viel Personal benötige ich für diese Kontakte? Welche Kosten für den klassischen Kundenservice werden also weiter anfallen?
All diese Punkte sind durchzurechnen und zwar genauestens, bevor man sich für einen auf den ersten Blick kostengünstigeren Self Service entscheidet.
Es gibt aber auch noch einen weiteren Punkt, den der Händler neben der Kosten-Nutzen-Rechung ebenfalls unbedingt beachten sollte, bevor er sich für die Umstellung auf Self-Services entscheidet:
Guter Service, hilfreicher Service, schneller Service, individueller Service ist im stark wachsendem Onlinemarkt eine Differenzierungsmöglichkeit, deren Potential die Händler nicht unterschätzen sollten. Die Produkte haben viele und Preis- und Produktsuchmaschinen zeigen dies auf, richtig guten Service haben dagegen wenige. Dem Händler bietet sich eine große Chance, sich mit individuellem und gutem Service von der Konkurrenz abzuheben und treue Kunden und somit Wiederkäufer zu generieren. Kunden, deren Beschwerde oder Anliegen professionell und zügig in ihrem Sinne bearbeitet wurde, machen dies auch publik, z.B. durch positive Bewertungen und Foreneinträgen, dadurch bietet sich die Möglichkeit, kostenlose „Werbung“ zu erhalten und kostengünstig Neukunden zu gewinnen.
Branding-Kampagnen in Online-Shops müssen nicht im Widerspruch zu vertrieblichen Zielen stehen!
0Aber warum ist es in der Praxis von Online–Shops doch häufig der Fall, dass Kampagnen den vertrieblichen Erfolg nicht befeuern, sondern eher in Opportunität zu ihm stehen? Um die Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Definition dessen, was in meiner Wahrnehmung unter Branding-Kampagnen zu verstehen ist.
- Aus der Sicht von (vertikal integrierten) Marken, die sich jetzt dem Thema Online-Shopping widmen besteht Branding im Shop vor allem darin, das Markenbild, das mit viel Geld offline aufgebaut wurde jetzt auch online zu stärken und dies mittels Kampagnen, die auf dieses Ziel einzahlen sollen.
- Aus der Sicht des Online-Händlers steht das Stärken des Einkaufsstätten-Images im Vordergrund, um das Vertrauen des Kunden in das Online-Shopping bei dem jeweiligen Händler zu stärken und in das relevant set der Kunden bei der Wahl der Einkaufsstätte vorzudringen.
Für beide gilt daher, dass Branding-Kampagnen im Wesentlichen die eigene Marke stärken sollen, um über ein positives Markenbild Begehrlichkeiten, Vertrauen und Halt zu transportieren. An diesem Ziel ist grundsätzlich nichts auszusetzen, im Gegenteil! Durch die neue Vielfalt an Möglichkeiten, die der Onlinehandel bietet bei gleichbleibenden – oder eher nachlassenden Aufmerksamkeits-, Bewertungs- und Selektionsfähigkeiten von Menschen müssen sich Händler und Marken in einem deutlich aggressiveren Markt behaupten. Hier spielen starke Marken als Orientierung eine wesentliche Rolle.
Dass Branding-Kampagnen in Shops diese Wirkung jedoch oft nicht entfalten hängt mit den veränderten Bedingungen statt, die online i.V. zur klassischen Welt herrschen.
Branding bedeutete dort im Wesentlichen, über Kampagnen die Kernbotschaften der Marke zu transportieren, damit der Kunde sie nachhaltig versteht. Entweder positioniert man eine Marke als innovativ, als wertig, als preisbewusst, etc. das dahinterliegende Produkt spielte nicht die entscheidene Rolle. Die Transparenz ist offline nur schwer möglich, wenn eine Marke ein Image aufbaut, das Produkt also ersteinmal die Schublade gepackt hat, dann greifen die Mechanismen, dass Kunden nach Marken Kaufentscheidungen treffen. Diese Methodik bedient sich klassicher Push-Mechanismen: Wir trichtern dir eine Botschaft so lange ein, bis du sie uns glaubst, bzw. uns damit verbindest.
Online ist die Welt jedoch eine andere und das vor allem aus zwei Gründen: Die Vielfalt und Transparenz aller Angebote schafft zum einen eine Vergleichbarkeit des Leistungsangebotes. Zum anderen ist das Internet ein Pull-Medium: Der User bestimmt völlig autark was er nutzt und wie er es nutzt.
Dies führt dazu, dass das mantra-mäßige Einimpfen von Markenbotschaften nicht mehr funktioniert, denn entweder nimmt ein User das gar nicht mehr wahr oder er glaubt es schlicht nicht, weil er ja leicht hinter die Marke auf das tatsächliche Produkt schauen kann. Dennoch wird auch online heute noch in hohem Maße Branding auf herkömmliche Weise erzeugt, durch bunte Banner, plakative Botschaften und kommunikative Eckpfeiler, die um das Produkt herum eine Story erzählen.
Ist Branding online also tot? Nein, denn die neue Welt hat einen aus Kundensicht fantastischen Effekt: Anbieter können den Kunden nicht länger an der Nase herumführen und mit bunten Bildern ihre Produkte verkaufen (was zu einer Abschöpfung der Konsumentenrente führt)
Es werden sich die Marken ,sowohl aus Herstellersicht, als auch aus Händlersicht durchsetzen, die erst ihr Produkt wirklich gut machen und dann kommunizieren, bzw. über ihre eigenen Kunden kommunizieren lassen, was daran wirklich gut ist.
Bestes Beispiel hierfür ist aus Herstellersicht Apple. Apple hat – weil seine Produkte in dem Marktsegment überragend sind – keine Kunden, sondern Fans. Branding erfolgt hier über das Darlegen der Produkteigenschaften und Merkmale. Die Branding Kampagne ist hier die Vorstellung der neuen Produkte.
Ein andere Dimension, die für Branding-Kampagnen relevant ist, ist der Service – s. Amazon. Das Bewerben des – sehr zuverlässig funktionierenden – kostenlosen 24h Service mit amazon prime – ist ebenfalls Branding, da es amazon Credo „ We’re a customer company“ unterstützt. Der vertriebliche Hebel ist hier sehr klar: Einmal für amazon prime bezahlt kauft man bevorzugt bei amazon – schließlich ist man in Vorleistung getreten und möchte den Service ausnutzen. So schaffen Shops sogar als vom Kunden als positiv wahrgenommene Lock-in Situationen.
Als eine dritte Branding-Möglichkeit bleibt Händlern wie Herstellern, innovative Verkaufsformate wie Live Shopping oder Shopping Clubs zu integrieren. Sie sorgen dafür, die Marke in online-affinen Zielgruppen bekannt zu machen und sorgen eher spielerisch dafür, dass Kunden die Leistungsfähigkeit der Marken einfach mal ausprobieren.
Weitere Ansätze sind denkbar, wenn man die hinterlegte Logik – product first! – versteht.
Für den Category Manager bedeutet dies, in seinem Sortiment stets auf der Suche nach produktspezifischen USP’s zu sein, nach Auffälligkeiten, die ihm der Kunde zurückspielt, sei es über Kaufverhalten oder Kundenbewertungen. Wenn in seinem Sortiment offenbar die Passform der Kleidung überragend ist, so sollten sich Branding Kampagnen um das Thema Passform drehen – Die Impulse hierfür Richtung Marketing gehen dann vom Category Manager aus.. Wenn wichtige Leistungsbausteine am Produkt hingegen schlecht sind, so muss der Category Manager der Treiber für Verbesserungen sein. Sind einige Warengruppen hingegen sehr servicelastig, wie z.B. Einrichtungssortimente, so bietet es sich an, im Zusammenhang mit dem Service Manager wettbewerbsüberlegene Services zu entwickeln.
Branding Kampagnen sind also dann vertrieblich sinnvoll, wenn sie klassische Kampagnenhebel (Incentives jedweder Art – aber echte!) nutzen um die wirklichen Benefits der Produkte herauszustellen und dem Kunden transparent machen.
In eigener Sache: Launch talentformation.com
0Nach halbjähriger Gründungsphase ist talentformation.com als Plattform für hochwertigen spezifischen Content zum eCommerce Business gestartet:
Ab sofort finden Sie in unserem Blog regelmäßig Gastbeiträge von Experten aus Praxis und Wissenschaft zu den verschienden Aufgabenbereichen im eCommerce. Dabei folgt jeder Beitrag einer einheitlichen Struktur: Der jeweilige Autor nimmt zu einer aktuellen These Stellung, bewertet sie und leitet die konkreten Implikationen für die betroffenen Aufgabenbereiche im eCommerce ab.
Wir wollen durch die Strukturierung und Auswahl von Experten einen Beitrag zur Qualität der Diskussionen zu diesem dynamischen und komplexen Thema leisten.
Viele Spaß beim Lesen und Diskutieren!

